"Neusprech" à la Orwell
Den englischen Schriftsteller George Orwell (1903-1950) halte ich für einen der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Orwells Warnung vor der totalen Überwachung in seinem Buch "1984" ist bislang zumindest in der geschilderten Form tatsächlich noch nicht wahr geworden, war allerdings in der DDR schon spürbar. Die Grundlagen sind aber durch die Überwachungsmöglichkeiten von Google, Facebook und Co.gelegt, die heute schon Einblicke in unser Leben haben, die an den „großen Bruder“ erinnern. So wurden zumindest die technischen Grundlagen eines totalen Überwachungsstaates schon geschaffen.

Orwell warnte schon vor 80 Jahren vor einer Gedankenpolizei
„Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.“ Das ist eines der bekanntesten „Orwell“-Zitate – und ist in Wirklichkeit offenbar gar keines, denn es gibt keine Belege dafür, dass es der große Schriftsteller, der in meinem Geburtsjahr im Alter von nur 47 Jahren starb, jemals gesagt und geschrieben hat.
Es passt allerdings zu Orwells Wirken und Denken, dass es ihm zugeschrieben wird. Dass dem 1903 in Indien geborenen Briten viele Zitate zugeschrieben werden, die nicht nachweisbar sind, zeigt, wie sehr sein Denken den Geist vieler Menschen traf und bis heute trifft. Ob er wohl ahnte, wie Recht er mit seinen Vorhersagen hatte?
Bis etwa 1936 war Orwell überzeugter Kommunist, warnte danach aber nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg, in seinen Werken vor der Sowjetdiktatur unter Stalin. Auch sein Buch "Die Farm der Tiere" ist eine bittere Abrechnung mit Stalin und dem, was aus der russischen Revolution geworden war. „Alle Tiere sind gleich, nur manche sind gleicher“ ist eine Textstelle aus dem Roman, die legendär wurde.
Orwell gelang es mit viel Klugheit und Realitätssinn, woran so viele scheitern: Auszubrechen aus dem Gedanken-Gefängnis eines dogmatischen ideologischen Weltbildes. Die eigenen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen, Widersprüche anzunehmen, statt zu verdrängen, und dann zu entlarven, in welches Elend linke und rechte Ideologien führen können, ja müssen – obwohl sie ja aus ihrer Sicht nur das Gute wollen (wie alle Ideologien, die vorgeben, die Menschheit in eine goldene Zukunft zu führen, aber letztlich ins Verderben stürzen, wie auch der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus). Für mich ist Orwell einer der größten Anti-Ideologen, der enthüllte, wohin ideologisches Denken führt - was die Linken (und auch Rechten) bis heute nicht einmal ansatzweise verstehen - gerade in Deutschland.
Interessant ist auch, wie hierzulande an Orwell erinnert wird: Der öffentlich-rechtliche Deutschlandfunk schafft es, in einem Beitrag zu seinem 70. Todestag überhaupt nicht auf die hohe Aktualität seiner Werke einzugehen.
Wie gefährlich es sein konnte, Orwell zu lesen, zeigte sich nicht zuletzt im "Leseland DDR". Im Oktober 1978 verurteilte das Bezirksgericht von Karl-Marx-Stadt einen 27 Jahre alten Diplom-Theologen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten. Er hatte "1984" gelesen und an Bekannte verliehen. Das hatte ich damals auch gemacht.🙄
In der Urteilsbegründung des Gerichts hieß es: "Das Buch '1984' soll dazu dienen, den Sozialismus zu verteufeln und zu verunglimpfen. Dabei wird insbesondere die Sowjetunion, sowie die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei diffamiert." In den letzten Jahren, so das Gericht, sei "1984" - "dieses Machwerk" - insbesondere im ideologischen Kampf gegen die DDR eingesetzt worden. Wer heute den totalitären Charakter der DDR bestreitet, muss sich also schon fragen lassen, wie man einen Staat nennen soll, in dem man zu langen Haftstrafen verurteilt wurde, nur weil man ein verbotenes Buch gelesen hat.
Im Musikunterricht der DDR-Schulen musste verpflichtend das "Arbeiter-Kampf-Lied" mit dem "schönen" Titel "Die Partei, die Partei, die hat immer recht" gelernt und gesungen werden.
Mehr noch als Orwells Vision hat sich inzwischen die seines Schriftsteller-Kollegens Huxley bewahrheitet - der in seinem Roman "Schöne neue Welt" vorhersagte, dass man - anders als von Orwell befürchtet - Bücher gar nicht mehr verbieten müsse, wenn man die Leute dazu bringe, dass sie sie gar nicht mehr lesen (wollen), und sich stattdessen lieber zerstreuen und amüsieren.
Die privaten, aber auch unsere öffentlich-rechtlichen Medien befördern leider diesen Trend, der offensichtlich von unseren Regierenden mit der Auswahl "passender" ÖRR-Intendant*_+-#Innen gesteuert wird, und oft statt echter neutraler Information sorgsam inszenierte Talkshows heute den Diskurs bestimmen. Der Rest der Sendezeit wird mit billiger Unterhaltung gefüllt, mit Quiz-Shows, Seifenopern, Schunkelmusik und Wiederholungen derselben, vorzugsweise in korrektem "Gendersprech".
Sehr realitätsnah war aber Orwells Vorhersage des „Neusprechs“ (seinerzeit wohl eher eine Beschreibung der damligen sowjetischen Verhältnisse als eine Prognose) – in dem über die Sprache Gedanken gesteuert werden sollen, und Dinge nicht mehr beim Namen genannt werden, sondern gern mit dem Gegenteil bezeichnet: „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“
Das "Gender-Neusprech" ist heute schon allgegenwärtig. Unschöne Bezeichnungen wie „Asylant“ werden durch neue, positive besetzte Begriffe ersetzt wie „Schutzsuchender“. Orwell hatte erkannt, wie über Worte das Denken manipuliert werden kann.
Auch mit der Vorhersage einer „Gedankenpolizei“ lag Orwell nicht so falsch, wie man es sich wünschen würde. Eine staatliche Einrichtung dieser Art gibt es offenbar noch nicht – aber jede Menge freiwilliger Gedanken-Polizisten, vor allem in den sozialen Netzwerken, die dort im Handumdrehen Menschen diffamieren, die eine "falsche" Meinung haben. Oder die selbst ernannte Jury des „Unworts des Jahres“, die jedes Jahr politisch unerwünschte Worte zu stigmatisieren versucht.
Innenministerin Faeser sagte kürzlich in einer Rede, in der sie für ein "Demokratiefördergesetz" warb: "Diejenigen, die den Staat verhöhnen, müssen es mit einem starken Staat zu tun bekommen." Die WELT-Chefreporterin Anna Schneider stellte dazu fest: "Jeder hat das Recht, den Staat zu verhöhnen. Doch Faeser möchte Leute, die das tun, zu Rechtsextremisten erklären."
Weil die amtierende Regierung die Richtlinien festlege, verkomme das Demokratiefördergesetz zu einer "Gedankenpolizei": "Das Grundrecht der Meinungsfreiheit wird unterdrückt, politische Gegner verfolgt, nur um vom eigenen Versagen abzulenken", kritisiert der ehemalige SPD-Minister Mathias Bordkorb.
Kürzlich hatte unser Grüner Möchtegern-Kanzler Habeck noch verlauten lassen: "Mich treibt an, was vielleicht auch Sie, auch Euch antreibt: dass wir friedlich zusammen leben, in Freiheit. ... Dass wir uns nicht immer nur anschreien, sondern normal miteinander reden können, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind". Einen Politiker als "Schwachkopf" zu bezeichnen, sollte aber doch in einer Demokratie erlaubt sein, und zwar unabhängig davon, ob diese Bewertung als unbewiesene Tatsachenbehauptung, als Satire, oder als Beleidigung geäußert wurde.
Im November 2024 stellte Habeck Strafantrag gegen einen Privatmann, nur weil der im Internet einen Link verbreitet hatte, in dem er als "Schwachkopf" bezeichnet wurde. Hausdurchsuchung wegen Beleidigung
Auch Politiker sind nicht immun gegen den Dunning-Kruger-Effekt – Warum sich Menschen selbst überschätzen
Na dann vorwärts zur "DDR 2.0" 
George Orwell wird heute regelmäßig zitiert - teilweise auch mit Aussagen, die ihm nur untergeschoben wurden wie das Eingangszitat. Einige der wichtigsten und aktuellsten seien hier zum Schluss aufgeführt (ohne Garantie der Authentizität):
„Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten, wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.“
„In Zeiten der universellen Täuschung wird das Aussprechen der Wahrheit zur revolutionären Tat.“
„Eine Ideologie annehmen heißt immer ihr Erbe an ungelösten Widersprüchen übernehmen.“
„Man hat gewöhnlich nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen zwei Übeln zu wählen.“
„Wenn das Denken die Sprache korrumpiert, korrumpiert die Sprache auch das Denken.“
„Wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit. Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft. “
„Freiheit ist die Freiheit zu sagen, daß zwei und zwei gleich vier ist.“
„Falls Freiheit überhaupt irgend etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“
« vorige Seite | Seitenanfang | nächste Seite »
